Der Wert Gerechtigkeit kommt nicht sehr oft vor, doch wenn er vorkommt, dann wird es interessant. Wenn Führungskräfte den Wert Gerechtigkeit als einen ihre persönlichen Werte oder ihrer Führungswerte benennen, dann frage ich gerne nach. Meine kleine, aber langjährige Forschung brachte mir bisher die Erkenntnis, dass Führungskräfte, denen Gerechtigkeit wichtig ist, diesen Wert bereits seit ihrer Kindheit verinnerlicht haben oder sich schon früh dafür eingesetzt haben. Gleichzeitig wird dieser Begriff häufig mit Gleichheit verwechselt, was im beruflichen Umfeld zu Spannungen führen kann. Aber was genau bedeuten diese beiden Wertekonzepte, und wie unterscheiden sie sich? Was bedeuten Gleichheit und Gerechtigkeit inhaltlich und welche Auswirkungen haben diese Begriffe auf die moderne Arbeitswelt?
Was ist Gleichheit?
Gleichheit bedeutet, dass alle Menschen dasselbe erhalten – unabhängig von ihren individuellen Voraussetzungen oder Bedürfnissen. Stelle dir vor, alle deine Mitarbeiter*innen würden exakt dieselbe Ressourcenzuteilung erhalten, etwa einheitliche Weiterbildungsstunden oder gleiche Arbeitszeiten. Auf den ersten Blick klingt das fair, doch stellt sich schnell die Frage, ob dies tatsächlich effektiv ist.
Ein Beispiel verdeutlicht dies: Angenommen, zwei Personen stehen vor einer Mauer und möchten über sie hinwegblicken. Beide erhalten die gleiche Kiste zum Daraufstellen. Wenn eine der Personen jedoch groß ist und die andere klein, wird die kleinere Person weiterhin Schwierigkeiten haben, über die Mauer zu blicken. Gleichheit ist nicht Gerechtigkeit oder wie Katja Andergassen sagt, wir können und wir müssen Extrawürste dafür braten.
Was ist Gerechtigkeit?
Gerechtigkeit hingegen berücksichtigt die individuellen Voraussetzungen jeder Person und sorgt dafür, dass jede*r die Ressourcen erhält, die er/sie benötigt, um erfolgreich zu sein. Im obigen Beispiel würde dies bedeuten, dass die kleinere Person eine höhere Kiste erhält, um ebenfalls über die Mauer schauen zu können – anstatt beide gleich zu behandeln.
Im beruflichen Kontext geht es häufig darum, für das richtige Umfeld zu sorgen, in dem jede/r Mitarbeitende/r unabhängig von Vorerfahrungen, Fähigkeiten oder Einschränkungen sein/ihr Potenzial entfalten kann.
Wunderbar hat es meine Mastermind Kollegin Katja Angergassen auf den Punkt gebracht:
Warum Führungskräfte oft zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit schwanken
Eine interessante Beobachtung aus der Wertearbeit mit Führungskräften ist, dass der Wert „Gerechtigkeit“ häufig ein tief verankerter, persönlicher Wert ist – oft geprägt durch Erfahrungen in der Kindheit. Kinder haben ein starkes Empfinden dafür, was sie als „ungerecht“ wahrnehmen, und kämpfen leidenschaftlich für ihren Sinn von Fairness. Von Kindern kenne ich die klare Aussage „Das ist unfair“ – eine Direktheit, die im Berufsleben oft nicht mehr so auf den Punkt gebracht wird. Dieses Gerechtigkeitsempfinden begleitet jedoch viele Führungskräfte auch ins Berufsleben. Doch gerade in komplexen Arbeitsumfeldern kann es dazu führen, dass Gleichheit fälschlicherweise als Gerechtigkeit betrachtet wird. Häufig zeigt sich dies darin, dass Führungskräfte versuchen, es allen gleichermaßen recht zu machen – mit dem Ziel, niemanden zu benachteiligen.
Ein solches Vorgehen, gepaart mit einer „People Pleaser“-Mentalität, kann dazu führen, dass Entscheidungen zwar „gleich“, aber nicht unbedingt „gerecht“ sind.
Was bedeutet das für deine Führungsarbeit?
Als Führungskraft bedeutet es, diese feinen Unterschiede zu erkennen und zu reflektieren, wo das persönliche Gerechtigkeitsempfinden uns leitet. Frage dich, ob du versuchst, in einem System für Gerechtigkeit zu kämpfen, das per se ungerecht ist, und ob dies immer der richtige Ort dafür ist.
Hier sind einige Schritte, die du als Führungskraft unternehmen kannst, um den Wert der Gerechtigkeit in deinem beruflichen Umfeld richtig einzusetzen:
1. Reflektieren deine eigene Werte
Welche Vorfälle in deinem beruflichen oder persönlichen Vergangenheit haben dein Verständnis von Gerechtigkeit geprägt? Wann hast du begonnen, diesen Wert aktiv zu vertreten?
2. Werte Ungerechtigkeiten neu
Nicht jede „Ungerechtigkeit“, die du wahrnimmst, muss eine sein. Prüfe, ob das aktuelle System die richtige Plattform für deine Gerechtigkeitsarbeit ist, oder ob Veränderungen an einem anderen Punkt wirkungsvoller wären. Im beruflichen Kontext kann es Situationen oder Bedingen geben, die einfach nur deine Akzeptanz erfordern.
3. Fördere Diversität und Individualität
Erkenne die unterschiedlichen Stärken und Bedürfnisse deiner Mitarbeiterinnen an. Schaffe Raum für individuelle Unterstützung, um jede/n Einzelne/n in seiner/ihrer Einzigartigkeit zu fördern.
4. Kommuniziere offen und transparent
Höre aufmerksam hin und differenziere. Oft ist das Thema Gerechtigkeit, das eigene Thema und nicht das das Thema des Teams.
Gerechtigkeit lebt von Vertrauen, binde dein Team in Entscheidungsprozesse mit ein und gestalte diese nachvollziehbar.
Gleichheit vs. Gerechtigkeit – Schlüssel für wertebasierte Führung
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Gleichheit und Gerechtigkeit zwei wichtige, aber unterschiedliche Konzepte sind. Während Gleichheit auf Einheitlichkeit fokussiert, bietet Gerechtigkeit eine individuelle Perspektive und sorgt für den Erfolg aller Beteiligten.
Für Führungskräfte, die sich mit wertebasierter Führung auseinandersetzen, ist es entscheidend, diese Unterschiede zu verstehen und bewusst einzusetzen. Nur so kannst du ein Umfeld schaffen, in dem Engagement, Vertrauen und Respekt gedeihen.
Falls du dich intensiver mit deinem Verständnis von Werten und Führung beschäftigen möchtest, buche dir ein kostenloses Beratungsgespräch mit mir. Lass uns gemeinsam herausfinden, wie du Gerechtigkeit und Gleichheit in deiner Führungsarbeit sinnvoll einsetzen kannst.
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Vielen Dank Katja für die Inspiration deinerseits. Herzliche Grüße Andrea Maria