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  • Wertekonflikt: Als ich zu lange wegschaute
Aktualisiert am: 12. November 2025
Veröffentlicht am: 12. November 2025
Frau in einem Foyer

Es gibt Momente im Berufsleben, die sich zuerst nur wie ein leises Unbehagen anfühlen. Ein diffuses Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Aber wir schieben es weg, rationalisieren es, kompensieren es mit Mehrarbeit.Bis der Punkt kommt, an dem wir nicht mehr wegsehen können.

 

 Der blinde Fleck im eigenen Beratungssystem

Vor Jahren hatte ich eine Kooperation, die auf dem Papier perfekt aussah. Gemeinsame Projekte, ähnliche Zielgruppen, komplementäre Kompetenzen. Was will man mehr?

Doch da war nach einiger Zeit dieses Gefühl. Zunächst konnte ich es nicht greifen. Der Wertekonflikt zeigte sich nicht im Kundensystem, dort lief alles rund. Er zeigte sich im Beratungssystem, zwischen meinem Kooperationspartner und mir. In der Art, wie wir kommunizierten. In den Prioritäten, die wir setzten. In dem, was uns wichtig war.

Und ich? Ich wollte es nicht sehen. Schließlich funktionierte die Arbeit mit den Kunden. Schließlich konnte ich die Reibungsverluste mit mehr Engagement ausgleichen. Schließlich war doch alles professionell.

 

 Wenn aus Unbehagen Kampf wird

Werte kannst du u.a. daran erkennen, dass du für sie kämpfst, wenn sie in Gefahr sind. Nicht im Sinne von Aggression, sondern im Sinne von: Hier geht es um etwas, das mir wirklich wichtig ist. Hier kann ich nicht nachgeben, ohne mich selbst zu verlieren.

In dieser Kooperation fing ich an zu kämpfen. Für meine Art der Zusammenarbeit. Für meine Standards. Für das, was mir in der Beratung wichtig ist. Und mir wurde schlagartig klar: Wir hatten keinen Wertekonflikt in Nuancen. Wir hatten einen fundamentalen Wertekonflikt.

Es gab nichts mehr, was uns einigte.

 

 Values unite, beliefs separate

Im Englischen gibt es diesen wunderbaren Satz: „Values unite, beliefs separate.“ Gemeinsame Werte verbinden uns, unterschiedliche Überzeugungen trennen uns.

In funktionierenden Partnerschaften können wir unterschiedlicher Meinung sein. Wir können verschiedene Wege bevorzugen, andere Methoden einsetzen und kontrovers diskutieren. Solange wir die gleichen Grundwerte teilen, finden wir zusammen.

Aber wenn die Werte nicht übereinstimmen? Wenn das, was dem einen heilig ist, dem anderen gleichgültig bleibt? Wenn Integrität für den einen verhandelbar ist, für den anderen aber die Basis von allem?

Dann hilft auch die beste Methodik nicht mehr.

 

 Die bittere Lektion für eine Beraterin für Werte und Unternehmenskultur

Die Ironie war nicht zu übersehen: Ich berate Menschen und Organisationen zum Thema Werte. Ich unterstütze sie dabei, Klarheit über ihre Werte zu gewinnen und diese in ihrer Führung zu verankern. Und gleichzeitig war es mir nicht vergönnt, im eigenen Beratungssystem eine gemeinsame Wertebasis zu schaffen.

Ich hatte einen blinden Fleck. Und dieser blinde Fleck kostete mich Energie, Freude und letztlich die Kooperation und die Kunden.

Das Learning: Werte sind nicht nur die Basis für mein Tun mit Kunden. Sie sind die Basis für jede Zusammenarbeit. Gerade im Beratungssystem. Gerade mit Kollegen und Partnern, mit denen ich langfristig arbeiten will.

 

 Was ich daraus gelernt habe

Heute schaue ich zu Beginn jeder möglichen Kooperation genau hin: Welche Werte haben wir gemeinsam? Wo ist unsere Schnittmenge?

Wir müssen nicht in allen Werten identisch sein. Aber bei den zentralen Werten braucht es Übereinstimmung. Die Vielfalt, die gute Zusammenarbeit braucht, liegt in den unterschiedlichen Stärken, die wir mitbringen. Aber die Werte? Die müssen uns verbinden. Sie sind nicht verhandelbar. Sie halten uns auch dann zusammen, wenn es schwierig wird.

Kürzlich habe ich ein Interview mit Tim Gelhausen und Lea Gilches geführt. Sie haben am Anfang ihrer Zusammenarbeit genau das getan: Sie haben geschaut, welche Werte sie haben und wo ihre Übereinstimmung liegt. Sie haben die Schnittmenge geklärt, bevor sie loslegten.

 

 

 

Das ist Klugheit. Das ist Weitsicht. Das hätte ich damals auch gebraucht.

 

 Die Voraussetzung für alles

Damit ich mit anderen über gemeinsame Werte sprechen kann, muss ich erst eines tun: Meine eigenen Werte kennen. Wirklich kennen. Nicht theoretisch, sondern gelebt. Nicht als Liste auf einem Flipchart, sondern als inneren Kompass, der mir zeigt, wo ich hingehöre und wo nicht.

Erst wenn ich weiß, was mir wichtig ist, kann ich erkennen, ob es auch meinem Gegenüber wichtig ist. Erst dann kann ich die Schnittmenge finden. Erst dann kann ich entscheiden: Passt das hier für mich oder nicht?

 

 

 Meine Frage an dich

Kennst du deine wichtigsten Werte? Nicht die Werte, von denen du denkst, dass du sie haben solltest. Sondern die Werte, für die du kämpfst. Die Werte, die dich nachts wachhalten, wenn sie verletzt werden. Die Werte, die deine Entscheidungen leiten, auch wenn es unbequem wird.

Und wenn du mit anderen zusammenarbeitest: Habt ihr eure Werte-Schnittmenge geklärt? Oder hofft ihr, dass es schon irgendwie passen wird?

Ich musste schmerzhaft lernen: Hoffen reicht nicht. Klarheit schon.

Was ist dein wichtigster Wert in der Zusammenarbeit? Schreib mir in den Kommentaren – ich bin gespannt auf deine Antwort.

 

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Dr. Andrea Maria Bokler

Über die Autorin

Ich unterstütze Führungskräfte und Entscheider dabei, wertebasiert in die Zukunft zu denken und in ihrem eigenen Leben und Unternehmen stärker wirksam zu werden.

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