Ich mache viele Wertemessungen. Und immer wieder gibt es einen Moment, der mich innehalten lässt.
Die Frage lautet: „Was zeichnet die aktuelle Kultur bei euch aus?“ Nicht immer lautet die Antwort „Verwirrung“. Aber wenn sie fällt, dann fällt sie gehäuft, meistens zusammen mit ähnlichen Werten wie Chaos oder Unsicherheit. Und jedes Mal bin ich aufs Neue verwundert, wie oft das vorkommt.
Verwirrung als Kultur bedeutet: Die Situation ist unklar, die Kommunikation ist unklar, das Handeln ist unklar, und all das zieht Energie, jeden Tag, in jedem Meeting, in jeder Entscheidung, die eigentlich keine sein dürfte.
Klarheit ist auch ein Wert.
Für mich ist das kein netter Nebensatz, sondern der Unterschied zwischen einem Team, das arbeitet, und einem Team, das sich selbst verbraucht.
Wie aus fehlender Klarheit eine Erschöpfungsmaschine wird
Der Mechanismus ist unspektakulär, und genau deshalb so gefährlich.
Fehlt die Klarheit von oben, greift die Kommunikation nicht, weil es keine Richtung gibt, an der sich Menschen ausrichten können. Und was tun Menschen, wenn die Richtung fehlt? Sie versuchen, das mit noch mehr Leistung auszugleichen.
Genau da beginnt das System zu kippen und wird zur Erschöpfungsmaschine: Der Krankenstand steigt, und Menschen gehen einen Schritt zurück, statt einen Schritt vorwärts zu gehen. Das Bittere daran ist, dass sich auf den ersten Blick oft gar nicht klar benennen lässt, woran es eigentlich liegt.
Man spürt nur, dass hier etwas Kraft zieht, ohne zu wissen, was.
Burnout ist kein individuelles Versagen
Hier widerspreche ich einer weitverbreiteten Erzählung, ganz bewusst.
Burnout-Prävention wird meistens als Frage der Selbstfürsorge verhandelt, also Grenzen setzen, Pausen machen, an sich selbst arbeiten. Das ist nicht falsch, aber es greift zu kurz.
Wenn ein System Menschen erschöpft, ist das kein individuelles Problem, sondern ein Unternehmensthema, oft sogar ein strukturelles Thema.
Es als reine Selbstfürsorge-Frage abzutun, finde ich fatal, weil es den Blick genau dorthin lenkt, wo am wenigsten zu holen ist: zur einzelnen erschöpften Person, statt zu der Frage, die eigentlich gestellt werden müsste. Was hat das mit der Führung zu tun? Was hat das mit mir als Führungskraft zu tun?
Der übersehene Auslöser: die Nichtübereinstimmung der Werte
Es gibt noch eine zweite Ursache, die selten benannt wird.
Wenn Mitarbeitende ihre eigenen Werte in der Organisation nicht leben können und sich damit nicht gesehen und nicht erfüllt fühlen, entsteht etwas, das ich eine ewige Kraftaufopferungsmaschine nenne.
Ein Missergebnis zwischen persönlichen Werten und Unternehmenswerten kann selbst zum Burnout führen, und zwar unabhängig von der reinen Arbeitsmenge.
Nicht Werte schützen dich. Die Übereinstimmung tut es.
An dieser Stelle will ich präzise sein, weil hier oft zu schnell vereinfacht wird.
Werte sind kein Schutzschild an sich, denn es gibt auch Werte, die limitierend wirken und selbst Teil des Problems werden können.
Der eigentliche Schutzfaktor für dich persönlich ist das Alignment: Passen deine Werte zu den Werten deines Unternehmens, passt du mit deinen Werten dorthin, und sind das auch die Werte, die du dort in Zukunft sehen willst? Wenn diese Übereinstimmung da ist, wirkt sie tatsächlich wie ein Schutzschild.
Das ist aber noch nicht die Entropie, auch wenn beides oft verwechselt wird. Kulturelle Entropie entsteht aus der Summe der potenziell limitierenden Werte, die eine Organisation bei der Wertemessung für ihre aktuelle Kultur wählt, Werte wie Bürokratie, Silodenken oder starre Hierarchie. Je größer dieser Anteil, desto höher die Entropie, und desto weniger gesund die Kultur: mehr Dysfunktion, mehr Frustration, mehr Konflikte.
Beide Größen gehören zusammen, sind aber nicht dasselbe. Ein Missalignment zwischen dir und deinem Unternehmen kann dich persönlich erschöpfen, während eine hohe kulturelle Entropie das ganze System erschöpft, weil sie zeigt, wie sehr angstbasiertes Führungsverhalten wie Kontrolle, Schuldzuweisungen oder internen Wettbewerb den Alltag prägt.
Wenn du dich gerade zwischen allen Stühlen fühlst
Falls du dich in alldem wiedererkennst: Hier ist, was ich als Erstes anschauen würde.
Benenne das Dilemma klar. Wo genau sitzt die Überforderung, und was ist gerade so schwer, dass du kaum noch in der Lage bist, dich selbst zu spüren?
Schau dir dann deine eigenen Werte an und prüfe, wo sie gerade genährt werden und wo nicht.
Und prüfe, seit wann das so ist. Ist es ein kurzfristiger Zustand, lässt sich meist schnell etwas verändern. Ist es schon länger so, gibt es trotzdem Handlungsspielräume, auch wenn sie nicht immer offen zutage liegen.
Klarheit entsteht nicht durch Grübeln über die Situation, sondern dann, wenn du anfängst, genau hinzuschauen, bei dir selbst und in deiner Organisation.
Das ist der Unterschied.


