• Home
  • /
  • Blog
  • /
  • Das Streben nach Sinn in der Arbeit: Interview mit Sam Kurath
Juni 19, 2017
Das Streben nach Sinn in der Arbeit: Interview mit Sam Kurath

Sam Kurath, Schweizer Unternehmer und Gründerpersönlichkeit, beeindruckt mich mit innovativen Gedanken zur neuen Arbeitswelt und damit, dass er immer wieder seine Rolle als Führungskraft hinterfragt. Deshalb freue ich mich sehr, dass er sich zu diesem Interview bereiterklärt hat. Inspiriert durch den Buchtitel von Sabine Asgodom „In meiner Badewanne bin ich der Kapitän“, habe ich das Interview mit Sam Kurath mit einer Schiffs-Metapher eröffnet.

 

Wie ist das Schiff, auf dem Du gerade segelst, und wo segelst Du gerade?

Das Meer, in dem ich segle, ist: Wie findet man den Weg zur Selbstwirksamkeit? Darin ist die Selbsterkenntnis integriert: Wer bin ich, was will ich, was motiviert mich, wohin möchte ich gehen, und mit wem. Das sind Grundsatzfragen. Wo in dieser Welt ist mein Platz, wo habe ich die größte Wirkung?

 

Warum hast Du Dir dieses Gewässer ausgesucht?

Weil ich glaube, dass diese Fragestellung aktuell die meisten Leute – bewusst oder unbewusst – beschäftigt. Wir hatten noch nie so viele Möglichkeiten, uns selbst zu verwirklichen und wirksam zu werden.

Das Thema wird auch die Wirtschaftswelt neu prägen, weil neue Generationen hineinwachsen, die Generationen Z und Y. Sie haben andere Ansprüche, wollen sich verwirklichen, ihre Werte einbringen. Sie wollen eine sinnvolle Arbeit. Und um sinnvoll zu arbeiten, muss ich mich zuerst kennen und wissen, wie ich mich verwirklichen möchte.

 

Kannst Du Deinen Weg dahin beschreiben? Du hast ja mal anders angefangen.

Mein Weg hat zu diesem Ozean geführt, weil ich selbst all diese klassischen Stufen zur Selbstständigkeit durchschritten habe: Man gründet eine Firma, arbeitet sehr viel und wenn man Glück hat, funktioniert es, man stellt Leute ein, man vergibt Rollen – und plötzlich kommt die Frage, ist das überhaupt das, was ich machen möchte?

Bei mir kam diese Sinnfrage, als ich nach der Aufbauphase das erste Mal sehr erfolgreich war. Mein Körper hat mich quasi dazu gezwungen, das anzugehen. Ich hatte körperliche Symptome, eine Energiekrise. In der Arbeit, von der ich meinte, dass sie gut passen würde, konnte ich nicht mehr bleiben. Ich war erfolgreich, habe meine Vision realisiert – und gleichzeitig war ich sehr unerfüllt.

Mit der Sinnkrise kamen viele neue Fragestellungen, auch in Bezug auf Leute, die angestellt sind. Wir leben ja in einer Zeit, in der wir Wahlmöglichkeiten haben. Wer eine gute Ausbildung hat, offen und intrinsisch motiviert ist, kann eigentlich überall andocken. Viele sind in ihrer Lebens- oder Arbeitssituation vielleicht nicht so erfüllt, und trotzdem verlassen sie diese Komfortzone nicht.

Bei mir war das auch so. Ich konnte als Unternehmer sogar frei definieren, was ich arbeite, und trotzdem war ich nicht erfüllt. Das war für mich eine spezielle Situation – rational nicht nachvollziehbar, aber emotional hat es einfach nicht gepasst.

So kam also die Abzweigung in ein neues Gewässer. Je mehr man sich irgendwo hinein begibt, desto mehr kommt dabei heraus. Ich setze mich immer mit mehr menschlichen Themen und Persönlichkeitsentwicklung auseinander. Dabei spüre und sehe ich, dass das eigentlich jeden bewegt, weil jeder sich darin findet. Über die Wirtschaft oder über die Firmen haben wir darauf viel Einfluss, weil Menschen sehr viel Lebenszeit in den Firmen verbringen.

Mein Credo ist: Ich hätte gerne die richtige Leute um mich herum, die ihre Talente, Fähigkeiten und Werte leben können und gemeinsam mit mir etwas auf den Weg bringen. Das bedingt, dass sie sich kennen, dass ich mich kenne, wir uns gegenseitig kennen und immer wieder schauen, ob das passt und was wir gemeinsam machen.

Damit verändern sich auch Strukturen, Hierarchien und auch Abhängigkeiten. Es mischt das ganze Arbeitsthema neu auf. Rollen wechseln: Nicht mehr der Arbeitgeber ist am längeren Hebel, sondern man kann nur noch gemeinsam Lösungen erarbeiten. Auch weil die Technologie, die Digitalisierung, so schnell treiben, dass klassische Führungspersonen oder Führungsteams gar keine Antworten mehr finden auf all die Fragen, die heute auftauchen.

 

Kannst Du das noch weiter ausführen?

Ich glaube, ein großes Thema ist, dass wir derzeit das menschliche Potenzial nicht wirklich abholen können. Allein wenn ich sehe, wie sich die Abteilungen für die Menschen in den Firmen nennen, Human Resources, da steckt der Fehler schon im Namen, dass man Menschen als Ressourcen anschaut. Dann kann man sie nur verbrennen.

Immer mehr Studierende, Jugendliche und jetzt auch schon Kinder sind überfordert. Sie haben Schlafprobleme, viele Studierende nehmen Psychopharmaka, um den Druck auszuhalten. Eine gefährliche Bewegung! Nach meiner Erfahrung haben gerade junge Leute viele sehr schöne Fähigkeiten und Eigenschaften, die man aber in der Wirtschaftswelt nicht abholen kann, weil man nicht in diesen Mustern denkt. Das ist so viel verschwendetes Potenzial!

Der Tausch von Lebenszeit für Geld, der funktioniert einfach nicht mehr. Wir müssen wirklich schauen, was wir mit unserer Lebenszeit machen wollen. Die Jungen fordern das ein. Für die bestehenden Unternehmen ist das schwierig, weil die es nicht gewohnt sind. Sie sind gewohnt, dass sie entscheiden. Und die jungen Leute wollen einfach mit involviert werden, mitwirken.

Das Schöne daran ist: Wenn man sie lässt, dann sind diese Leute viel stärker motiviert und erzielen viel bessere Resultate! Wenn man die Angst überschreitet und versucht, neue Wege zu gehen, kommt man auf ganz neue, sehr spannende und vor allem menschliche und verbindende Lösungen.

Mein Wunsch ist wirklich, an einem Ort zu sein, wo ich mich wohlfühle und mich verbunden fühle mit den Leuten, die da mit mir gemeinsam etwas bewegen.

 

Wenn wir in dem Bild mit dem Schiff bleiben: War das schon vorher ein Schiff oder war das ein Floß oder ein Boot?

Ganz am Anfang war es ein Einmannboot, wo ich die Paddel selbst in der Hand hatte. Dann wurde es immer größer, und irgendwann war ich wirklich nur noch der Kapitän und musste Befehle geben. Inzwischen geht das in Richtung Segelschiff, wo jeder eine ganz wichtige Aufgabe hat, und wenn einer die Aufgabe nicht gut macht, dann leiden alle anderen darunter.

 

 

Aufgrund Deiner Expertise beim Lenken von Schiffen, was ist Dein Schlüssel, den Du den Menschen mitgeben möchtest?

Ich glaube, dass die zukünftige Führungskraft ein Coach sein muss, dessen eigene Persönlichkeitsentwicklung schon ziemlich weit ist. Denn wenn Ego, Status, Macht noch große Themen bei einer Führungsperson sind, dann kann sie das Potenzial in anderen nicht erkennen, nicht wecken und auch nicht am richtigen Ort aufblühen lassen.

Momentan sehe ich in den Firmen immer noch dieses Hierarchiedenken, diese Status- und Machtstrukturen, die verhindern, dass die Leute menschlich angenommen werden und sich entfalten können. Ich selbst habe auch diese Erfahrung gemacht, als Chef. Ich bin klassisch in diese Rolle hineingeschlüpft und habe gemerkt, dass ich mich darin nicht wohlfühlte. Obwohl es im Äußeren funktioniert hat. Aber „Ich bin der Chef“ oder „Ich bin schon lange in einem Betrieb“ oder „Ich kenne die Branche gut“, das reicht nicht mehr, weil sich alles so schnell verändert – und einer Art und Weise verändert, wie wir es noch nie gehabt haben.

Es gibt immer mehr branchenfremde Player, die plötzlich mit ganz neuen Blickwinkeln eine Branche aufmischen. Das können wir nur lösen, wenn wir es gemeinsam machen. Das Gemeinsame heißt Augenhöhe, zulassen, dass der Mensch wachsen darf. Kontrolle abgeben, Macht abgeben. Das sind ganz schwierige Themen für Leute, die in Machtpositionen sind. Aber auch für Angestellte bedeutet das, in die Selbstverantwortung hineinzuwachsen, dies ist für den größten Teil sehr herausfordernd, weil die starren Systeme und Hierarchien oft die Selbstwirksamkeit unterdrückten. Dies gilt es nun neu zu erlernen, ein anspruchsvoller Weg.

 

Was ist Dein persönlicher Schlüssel auf dem Weg zum Glück?

Wenn man sich Zeit nimmt und versucht, intensiv in sich hineinzufühlen und zu hören – und diese Informationen nicht nur wahrnimmt, sondern auch ins Handeln kommt, dann hat man den besten Begleiter überhaupt. Das bedingt, dass ich reflektiere und auch Feedbacks von anderen mitbekomme.

Das ist übrigens als Führungsthematik schwierig: Führungsleute bekommen selten ein ehrliches Feedback, weil Abhängigkeitsverhältnisse bestehen. Führungspersonen sind also noch mehr gefordert, sich selber objektiv zu spiegeln.

Meine Erfahrung ist: Je mehr ich mich selber kennenlerne, umso großzügiger kann ich auch mit meinen Schwächen umgehen. Das macht mich zufriedener, weil ich sehe, dass ich nicht alles selber lösen muss oder ich der Mittelpunkt bin und alles richtig machen muss. Sondern dass auch ich in diesen Konstellationen, in denen ich bin, einfach das Beste geben kann und natürlich auch Fehler mache und auf dem Weg bin, mich zu verbessern.

 

Zu Sam Kurath:

Der Schweizer Unternehmer Sam Kurath gründete schon als Student die Jaywalker GmbH, die mit der STUcard eine weit verbreitete Rabattkarte für Lehrlinge und Studenten herausgibt. Daneben gründete Sam Kurath mehrere andere Firmen und ist als Aufsichtsrat und Investor an weiteren Unternehmen beteiligt. Als Gründerpersönlichkeit unterstützt Sam Kurath StartUps mit seiner Expertise.

Alle Links, die mit * gekennzeichnet sind, sind Affiliate-Links. Weitere Informationen dazu findest du in der Datenschutzerklärung.

Dr. Andrea Maria Bokler

Über die Autorin

Ich unterstütze Führungskräfte und Entscheider dabei, wertebasiert in die Zukunft zu denken und in ihrem eigenen Leben und Unternehmen stärker wirksam zu werden.

Ähnliche Blogartikel


{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}

You like The Article - Share It

Cookie Consent mit Real Cookie Banner