Birgit Ising hat zu einer Blogparade eingeladen und die Frage hat sich sofort bei mir festgesetzt: Was ich gern früher über mich und das Leben gewusst hätte.
Ich lade dich ein, mir ein Stück weit zu folgen. Denn wenn ich zurückschaue, sind es nicht die großen Erkenntnisse, die mein Leben leichter gemacht haben. Es sind zwei schlichte Sätze, die ich lange nicht kannte.
Hier sind sie.
Das Leben meint es IMMER gut mit mir
Diesen Satz hatte ich in meiner Jugend verloren.
Ich habe früh viel Tod und viel Trauer erlebt. Und wenn dir das begegnet, bevor du überhaupt Worte dafür hast, dann verlernst du etwas Grundlegendes: das Vertrauen, dass das Leben es gut mit dir meint.
Diese Überzeugung hatte ich nicht. Was ich hatte, war etwas anderes, und rückblickend war es meine Rettung: die Zuversicht, dass es weitergeht.
Nicht die Gewissheit, dass alles gut wird. Sondern die leise, tragende Erfahrung, dass es weitergeht.
Heute weiß ich, dass beides zusammengehört. Das Leben meint es gut mit mir auch dann, wenn es schwer ist. Nicht, weil mir Schweres erspart bleibt. Sondern weil ich gelernt habe, dass ich durch Schweres hindurchgehen kann und auf der anderen Seite wieder ankomme.
Das ist keine rosa Brille. Das ist Zuversicht mit offenen Augen.
Und diese Zuversicht verändert, wie ich führe, wie ich entscheide, wie ich mit Unsicherheit umgehe. Wer im Innersten spürt, dass das Leben es gut mit ihm meint, muss nicht aus Angst handeln. Er kann aus Klarheit handeln.
Ich glaube, deshalb bin ich heute Change- und Transformationsbegleiterin geworden. Wer Menschen durch Übergänge begleitet, muss selbst durch Übergänge gegangen sein.
Die beste Ausbildung dafür war für mich keine Management-Fortbildung, sondern die zwei jährige Ausbildung zur Trauerbegleiterin. Dort habe ich gelernt, was es heißt, mit Menschen an der Schwelle zu sein und ich habe mich in diesem Prozess selbst ressourciert. Ich bin dorthin zurückgekehrt, wo ich als junger Mensch etwas verloren hatte, und habe es mir zurückgeholt.
Was mich einmal beinahe zerbrochen hätte, ist heute die Quelle, aus der ich schöpfe.
Ich kann so vieles lernen
Der zweite Satz klingt fast banal. Und er hat mein Leben genauso verändert.
In Deutsch hatte ich lange eine Vier. Über mich selbst habe ich damals einen Satz gesagt, der gar kein richtiger Satz ist: „Deutsch – kann ich nicht.“
Ich konnte auch kein Englisch. Ich war überzeugt, dass Sprache und Sprachen einfach nicht mein Ding sind.
Und heute?
Heute bin ich Bloggerin. Ich arbeite überwiegend auf Englisch, ich moderiere Workshops auf Englisch. Die Frage, ob ich das kann, stellt sich gar nicht mehr. In den letzten Jahren habe ich Spanisch gelernt und spreche es inzwischen passabel.
Über mich selbst würde ich heute einen ganz anderen Satz sagen: „Ich liebe Sprache, und ich bin in der Lage, Sprachen zu lernen.“
Ich liebe Sprache, weil ich mit schönen Worten spiele. Weil ich vergessene Worte hervorhole und ihnen wieder Raum gebe.
Was ist dazwischen passiert? Ich habe aufgehört, den Satz mit „Ich kann nicht“ zu formulieren.
Was Neuroplastizität damit zu tun hat
Der Hirnforscher Gerald Hüther beschreibt Neuroplastizität als die lebenslange Formbarkeit des menschlichen Gehirns: Nervenverbindungen ordnen sich, basierend auf Erfahrungen und Gefühlen jederzeit neu an. Das Gehirn bleibt bis ins hohe Alter anpassungsfähig. Es ist nicht durch unsere Gene festgeschrieben.
Wenn wir etwas Neues tun, eine Sprache lernen, ein Instrument spielen, dann baut das Gehirn seine Bahnen zwischen den Nervenzellen tatsächlich um.
Das ist keine Metapher. Das ist Biologie.
Und für mich ist es eine der befreiendsten Wahrheiten überhaupt. Denn sie heißt: Ich bin nicht fertig. Kein Mensch ist fertig. Solange ich lernen will, ist so vieles möglich.
Wenn ich das ernst nehme, dann freue ich mich richtig auf das, was ich mir in meinem Leben durch Lernen noch alles ermögliche.
Die eigentliche Frage ist nicht „Kann ich?“
Die eigentliche Frage ist: Wie formuliere ich den Satz über mich?
„Ich kann“ oder „Ich kann nicht“?
Das ist keine Frage der Begabung. Das ist eine Entscheidung und ich treffe sie immer wieder neu.
Ob ich in Zukunft wirklich alles lerne, was ich lernen könnte, entscheide ich selbst. Nicht meine Vergangenheit. Nicht ein altes Zeugnis. Nicht ein Satz, den ich mit sechzehn über mich geglaubt habe.
Ich finde es sogar schön, mir zu überlegen, welche Sportarten ich vielleicht lerne oder bewusst nicht mehr lernen werde. Weil das dann meine freie Wahl ist und nicht die Behauptung, dass ich es ohnehin nicht könnte.
Wie genial ist das denn?
Was diese zwei Sätze für mich verändern
Das Leben meint es gut mit mir. Und ich kann so vieles lernen.
Zwei Sätze, die ich früher nicht hatte. Zwei Sätze, die mein Leben heute so viel leichter und reicher machen.
Der eine nimmt mir die Angst. Der andere gibt mir den Mut.
Und wenn ich beide zusammen halte, dann gehe ich anders durch die Welt: nicht aus Druck, sondern aus Klarheit. Nicht aus Mangel, sondern aus Fülle.
Wenn du bis hierher gelesen hast, dann lade ich dich ein, für dich selbst nachzuspüren: Welchen Satz über dich hast du irgendwann geglaubt und stimmt er heute überhaupt noch?
Vielleicht ist es Zeit, ihn neu zu formulieren.
Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade von Birgit Ising: Was ich gern früher über mich und das Leben gewusst hätte.



Liebe Andrea Maria,
danke für diesen berührenden und so ehrlichen Beitrag zur Blogparade. Im Satz „Was mich einmal beinahe zerbrochen hätte, ist heute die Quelle, aus der ich schöpfe" steckt für mich so viel gelebte Wandlung, echte Erfahrung.
Besonders berührt hat mich auch, dass Du sagst, dass das Leben es gut mit Dir meint, auch dann, wenn es schwer ist – weil Du gelernt hast, durch Schweres hindurchzugehen und auf der anderen Seite wieder anzukommen. Das ist für mich der Kern von echtem Vertrauen ins Leben: nicht die Abwesenheit von Schwierigkeiten, sondern das Wissen, sie durchqueren zu können.
Und Dein Gedanke, dass jemand, der im Innersten spürt, dass das Leben es gut mit ihm meint, nicht aus Angst handeln muss, sondern aus Klarheit handeln kann, bleibt hängen. Ebenso wie Deine klare Entscheidung: Was ich lerne, entscheide ich – nicht meine Vergangenheit, nicht ein altes Zeugnis, nicht ein Satz, den ich mit sechzehn über mich geglaubt habe. Das ist eine so kraftvolle, selbstbestimmte Haltung.
Sätze, die ich für meine Lebens-Learnings klaue. Sätze, die ich [nicknicknick] spürte, aber so beim Schreiben meines Artikels noch nicht parat hatte.
Danke dafür, für Deine Offenheit. Ich freue mich darber, dass Du an meiner Blogparade teilgenommen hast!
Herzlichst,
Birgit
Liebe Birgit,
Danke für die Rückmeldung, die mir auch nochmal Sachen bewusst macht, einfach weil es anders pointiert ist.
Es war mir eine Freude bei deiner Blogparade dabei zu sein.
Herzliche Grüße
Andrea