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Mai 5, 2017
Mann und Frau in Kiste an Laptop

„Die versteht was von Werten!“ war mein erster Gedanke, als ich kürzlich Stefanie Stahls Vortrag beim Frankfurter Ring hörte. Die Psychologin sprach über Werte in Zusammenhang mit Bindungsangst und Selbstwertgefühl. Zwei Aussagen haben sich mir besonders stark eingeprägt: „Mit höheren Werten Menschen stark machen“ und „Höhere Werte können einem die Angst nehmen“. Ich freue mich, dass Stefanie Stahl sich zu einem Interview für diesen Blog bereiterklärt hat und mit mir über Werte, Menschen und Beziehungen spricht.

Mein Thema ist „WERTvoll gestalten“. Wie kann man aus Ihrer Sicht Leben wertvoll gestalten?

Das ist eine sehr komplexe Frage. Wertvoll gestalten heißt ja, dass man sich seiner Werte bewusst wird, für die man leben und sich einsetzen möchte. Und das müssten positive Werte sein – es gibt auch Menschen, die setzen sich für sehr schlechte Werte ein. Das bedeutet, wir müssten zunächst positive von negativen Werten abgrenzen – hier kommt man schon in den philosophischen Bereich hinein.

Etwas pragmatischer: Bei mir ist der Satz hängengeblieben „Höhere Werte können einem die Angst nehmen“. Erläutern Sie das bitte näher?

Höhere Werte können uns den Rücken stärken, weil sie uns unsere Ich-Angst nehmen. Die Idee ist nicht neu, sie stammt aus der Logotherapie von Viktor Frankl. In seiner Arbeit z. B. mit KZ-Opfern hat er festgestellt, dass Menschen auch in scheinbar ausweglosen Situationen noch Kraft aus ihrem Leben schöpfen können, solange sie irgendeinen Sinn erkennen. Das Erleben von Sinnhaftigkeit ist enorm lebensbejahend, während Sinnlosigkeit depressiv macht! Sinn und Werte sind sehr eng miteinander verknüpft.

Wie ist das mit Beziehungen? Inwiefern spielen Werte hier eine Rolle?

In Paar- oder Beziehungskonflikten haben wir es häufiger mit Menschen zu tun, die sehr angepasst sind und große Ängste vor Konflikten aufweisen. Oft trauen sie sich nicht, einen eigenen Standpunkt zu beziehen oder zu sagen, was sie wollen oder nicht. Sie sind geradezu harmoniesüchtig.

Doch genau das kann Beziehungen zerstören. Denn die eigenen Wünsche und Bedürfnisse lassen sich nicht auf Dauer leugnen, sondern irgendwann entsteht Unzufriedenheit in der Beziehung zu dem anderen. Der Harmoniebedürftige fühlt sich in einer unterlegenen Position, sonst würde er sich nicht so anpassen. Aus dieser Lage heraus phantasiert er eine gewisse Feindseligkeit in den anderen hinein nach dem Motto: „Ich sage ganz oft ja, obwohl ich eigentlich nein meine, ich mache ständig, was du willst – und du bist schuld, weil du dominant bist.“

Und das ist nicht ganz fair. Damit sind wir bei einem Wert angelangt, dem Wert Fairness. Der andere bekommt ja gar keine Chance, auf ihn einzugehen, auch nicht die Chance, sich gegebenenfalls zu entschuldigen, falls er den anderen gekränkt hat. Er kann sich nicht in Beziehung zum anderen stellen, weil der Harmoniestreber immer aus der Deckung heraus agiert und in Beziehungen immer nur einen Teil von sich zeigt. So kann der ihm auch nicht wirklich nahe kommen, sondern er hat es immer mit einer Rolle zu tun und nicht mit dem authentischen Menschen.

Auf Dauer sind so schon viele Beziehungen in die Brüche gegangen, weil der Harmoniestreber sich meist aus der Beziehung zurückzieht. Zuerst innerlich, dann auch äußerlich, indem er die Beziehung verlässt – und bis dahin ist kein böses Wort gefallen! Der völlig verblüffte und auch erschütterte Partner bleibt mit der Frage zurück „Warum hast du denn nie was gesagt?“ Doch dann ist es schon zu spät, in diesem Stadium sind die Gefühle des Harmoniesüchtigen schon erkaltet und meist nicht mehr zu reaktivieren.

Was bringt den Harmoniestreber dazu, sich so zu verhalten?

Dabei geht es ganz stark um die Ich-Angst, das müssen wir auch verstehen. Der Harmoniestreber beschützt mehr sich selbst als den Partner. Die Angst, die dahintersteckt, wäre Verlust- oder Versagensangst, die Angst anzuecken oder abgelehnt zu werden, wenn ich zu viel „ich selbst“ bin. „Liebe gibt es nur um den Preis der Selbstverleugnung“ – solche Glaubenssätze sind meistens in der Kindheit erworben.

Und wie kann der Harmoniestreber verhindern, dass seine Beziehung daran scheitert?

Über seine höheren Werte. Authentizität, Offenheit, Fairness, die haben ja eine gemeinsame Schnittmenge. Der scheinbar Unterlegene kann sich bewusst machen, dass sein Verhalten dem anderen gegenüber nicht fair ist, nicht offen oder authentisch. Und dass es viel fairer wäre, rechtzeitig etwas zu sagen und dem anderen mitzuteilen, was ihm gefällt und was nicht. Seine Ängste sind ja im Grunde destruktiv. Der Wert Fairness könnte ihn aufrichten und ihm das Rückgrat stärken und ihm den Mut geben, für seine Wünsche einzustehen.

Dazu fällt mir übrigens ein ganz tolles Zitat von Viktor Frankl ein: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt die Freiheit“

Das ist spannend. In meinem Modell würde ich immer erst die Angst anschauen und mich dann den höheren Werten zuwenden. Das finde ich jetzt schön verbunden.

Ja, allerdings ist die Voraussetzung: Der Harmoniestreber muss merken, dass er dieses bestimmte Verhalten ausübt, sonst kann er sich nicht verändern. Ihm muss bewusst werden, dass er sich jetzt nicht mehr gewohnheitsmäßig wegducken will, sondern um der Partnerschaft willen und für ein gesundes „Wir“ seine Ich-Angst überwinden und sagen sollte, was er denkt. Wenn ihm das gelingt, dann hätte er sich anhand eines höheren Wertes stark gemacht.

Wie sehen Sie allgemein die Beziehung zwischen Werten und Gefühlen in einer Partnerschaft?

Höhere Werte können Angstgefühle mindern, wie ich eben an dem Beispiel erklärt habe. Andererseits entstehen negative Gefühle, wenn wichtige Werte aus Sicht des einen Partners zu kurz kommen. Beispielsweise der Wert Gerechtigkeit, der in ganz vielen Beziehungen eine große Rolle spielt: Häufig entstehen Konflikte, wenn ein Partner das Gefühl hat, dass die Balance zwischen Geben und Nehmen nicht stimmt.

Je mehr gemeinsame Werte ein Paar hat, desto leichter werden sie es in ihrer Beziehung haben, und das wirkt sich wiederum positiv auf die Gefühle in der Beziehung aus.

Frau Stahl, vielen Dank für dieses Interview!

 

Stefanie Stahl ist Diplom-Psychologin, Psychotherapeutin und Autorin. Ihr Bestseller „Das Kind in dir muss Heimat finden“ hilft Menschen dabei, sich mit ihrem inneren Kind auseinanderzusetzen und daraus Kraft für sich zu schöpfen. Derzeit arbeitet sie an einem neuen Buch, im dem Paarbeziehungen im Mittelpunkt stehen.

Dr. Andrea Maria Bokler

Über die Autorin

Ich unterstütze Führungskräfte und Entscheider dabei, wertebasiert in die Zukunft zu denken und in ihrem eigenen Leben und Unternehmen stärker wirksam zu werden.

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