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Dezember 4, 2020
Wein Weiblich Crew

Interview mit Dr. Eva Vollmer

Im September hatte ich die Gelegenheit den Film „weinweiblich“  zu sehen. Hierbei war das Ziel für alle, einen Riesling von Grund auf komplett zu produzieren. Es geht um Selbstverwirklichung,  Tradition und Innovation. Für mich standen hier vier faszinierende Frauen im Fokus und der Film hat mich sehr, sehr berührt. Deswegen freue ich mich, eine der Akteurinnen, Eva Vollmer zu interviewen.  

Wo kommst du her? Vom Hintergrund, einmal vom familiären her und vom spirituellen her. Wie verbindest du das bodenständige mit dem spirituellen?  

Ich bin in der Landwirtschaft, auf dem Bauernhof groß geworden, so kann man das sagen. Und dort war es auch klar, Mensch, jeder packt mit an, Geschlecht egal. Damals, in den jungen Jahren, ist es immer in Gesprächen mitgeschwungen, dass die Hofnachfolge mal im Sand verläuft. Denn meine Eltern haben zwei weibliche Nachkommen – da war klar, dass der Hof auslaufen muss, weil da waren ja dann nur die zwei Mädels. Aber das hat in mir einen gewissen Ehrgeiz geschürt und eine gewisse Dauerpower.

Sowohl handwerklich aber auch mit einer fest anpackenden Art habe ich mich selbst dadurch in so einen kleinen spielerischen Wettbewerb um die Gunst der Außenwelt getrieben Meine Eltern haben nie bösartig erwähnt „das haben wir euch nicht zugetraut“, sondern waren immer wieder überrascht davon, dass das halt auch von Frauenhand geht und unter Umständen noch besser geht. Und dann hatte ich auch noch diese etwas – ich hasse das Wort – burschikose Art, die sich entwickelt hat – ich hatte als Kind auch lange Zeit kurze Haare, um dann das zu kompensieren, was der verlorengegangene Bub war, den es ja nicht gab. Trotzdem habe ich mich immer als starkes Mädchen und nicht als der „verlorene Sohn“ gefühlt. 

Und so bin ich quasi im spirituellen Sinne mit Kraft aufgeladen worden, also durch den eigenen Wettbewerb, den ich mir aber selbst erschaffen hab. Also es hat keiner von mir verlangt oder herausgefordert, sondern das habe ich selbst gewollt, und das war das schöne, dass ich das durfte. Ich habe früher auch viele männliche Freunde gehabt. Bin damals also eher mit den Buben um die Häuser gezogen als mit den Mädchen: Im Laufe der Zeit ist mir aber immer mehr bewusst geworden, dass mein Kopf und meine Kreativität, das Ausleben von Ideen, was ich auch eher meinem weiblichen Part zuordnen könnte absolut mit der vermeintlich männlichen Stärke verknüpft werden kann. Das ist mir über die Jahre eigentlich immer bewusster geworden. Dass es da nicht Frau oder Mann gibt, sondern dass jeder in seinen Charakter verwobene Parts beider Geschlechter hat. Und je nachdem stark oder weniger stark ausgeprägt.  

Herkunft prägt 

Aber ich bin in einem Familienclan aufgewachsen, ich bin in einer wohlwollenden Gemeinschaft aufgewachsen, wo jeder einander hilft. Die Oma mit vier Generationen im Haus, die Oma kocht noch mit 87 für die ganze Sippschaft jeden Tag, das sind dann 8-12 Personen, die Kids werden mit groß… Also das, was früher uns schon passiert ist, dieses miteinander groß werden und jeder schlüpft dann in seine Rolle und in seinen Part, das wiederholt sich jetzt quasi wieder ein paar Jahre später. Und das macht das so wertvoll.  

Wenn wir jetzt das Spirituelle noch abschließen wollen, natürlich hat die Religion hier auch immer eine Rolle gespielt, im Sinne von katholisch erzogen und auch Messdiener und mit der Kirche. Das haben wir sehr intensiv gelebt und leben es auch noch, nur merke ich jetzt gerade wie sich die Kirche als sehr intensiver Part im Leben ein bisschen verabschiedet. Ersetzt durch die eigene Welt und die eigenen kreativen Ideen. Der Glauben an Gott ist noch da, aber mein Glauben ist auch ganz eng verbunden mit der ganz eigenen Schaffenskraft, wo mir keiner dabei hilft, sondern dafür bin ich allein verantwortlich. 

Wieso hast du bei dem Film „weinweiblich mitgemacht?  

Also erfunden habe ich den ja nicht, ich bin gefragt worden, nominiert sozusagen. Und es hat eine lange Zeit gedauert bis sich das alles entwickelt hat. Christoph, der Regisseur hat angerufen und meinte „ich habe was vor, darf ich es vorstellen“, und dann saß der im Wohnzimmer und hat so ein bisschen wirr erzählt, wie ihm das im Kopf schwebt, mit Weiblichkeit und Frauen, die Wein machen.   

Dann dachte ich erst, ja gut, ist doch eigentlich selbstverständlich und ist doch klar, dass Frauen Wein machen. Aber mir war irgendwo auch bewusst, dass das eine rasante Entwicklung war, weil ich selbst in Rheinhessen die erste war, die den Namen der Frau aufs Etikett geschrieben hat. Und dadurch, dass wir erst 2007 angefangen haben, was ja noch nicht so ganz ewig lang her ist, ist das schon eine Entwicklung, die binnen eines Jahrzehnts explodiert ist. Aber davor, alles vor 2007, da waren die Anfänge bereits geebnet. Also Frauen haben in der Landwirtschaft und im Weinbau mitgemischt. Aber nie als Marke, nie als Person und nie als die Hauptattraktion. Das war aber nie, dass man gesagt hat, aha, das ist die Winzerin, die macht das wirklich! Und in Österreich war die Frau im Winzerberuf schon vorher da und ich habe gewusst, ich bin Teil dieser Explosion, weil wir sind nicht die erste Generation, das hab ich dem Regisseur auch gleich gesagt. Weiblich kann nicht sagen, dass ich die Erste bin. Ich kann nur sagen, dass ich in der Generation bin, die dann wirklich vorangegangen ist, die sich vorne hingestellt hat. Und das macht das ganze besonders.

Und ich habe gedacht, ja gut, so ein bisschen Show Talent, das ist mir auch in die Wiege gelegt, warum soll ich da jetzt nicht mitmachen? Ich habe Spaß, ich habe Spaß vor Menschen zu agieren, und ob da jetzt ne Kamera steht und das indirekt zu den Menschen trägt oder ob ich die Menschen auf direktem Weg mit Winzertainment glücklich mache, das ist eigentlich kein großer Unterschied. Aber es hat mich angespornt und mir Spaß gemacht, mir da ins Leben reinfilmen zu lassen, das war ein großes Geschenk.  

Was wünscht du dir und wie leistest du einen Beitrag, dass sich dieser Wunsch auch erfüllt?  

Also ich wünsche mir… man sieht ja nur den Weinpart meines Lebenszumindest nach außen hin glänzt im Moment der Weinpart, das ist das Weingut, wir haben aber für uns, das hat sich über Jahre rauskristallisiert, entschieden, dass wir nicht in die Wachstumsschiene abrutschen. Weil Wachstum bedeutet dann immer höher, schneller, weiter, größer, mehr, mehr, mehr Arbeiter und, und, und. Und bei Wachstum bleibt immer irgendwas auf der Strecke. Ich bin auch kein Riesenmanager, der jetzt hier 10 Leute morgens stehen haben könnte, die ich an verschiedene Stellen setze, oder auch 20. Das sehe ich immer wieder. Ich möchte gerne ich selbst bleiben, selbstständig und selbstbestimmt. Und das geht mit Wachstum, das sehe ich bei vielen anderen, oft in die Hose.   

Und das schlimmste ist, bei Wachstum bleibt die Natur auf der Strecke, immer. Und deswegen haben wir einen ganz anderen Weg eingeschlagen und ich hoffe und bete, dass das auch so funktioniert, weil wir jetzt das Weingut und den Ackerbau gleichzeitig haben und der Ackerbau ist auch auf biologisch umgestellt. Wir wollen allen zeigen und allen vorleben, dass ein Betrieb keine Monokultur ist, sondern dass ein Betrieb in der Landwirtschaft so wie früher mehrere Kulturen pflegen kann. Der Mensch geht aber klar Richtung Spezialisierung. Der eine macht das, der eine macht das, der eine macht das. Und ich glaube nicht, dass das in der Landwirtschaft gesund ist. Sondern die Betriebe in Rheinhessen, die auch zum Beispiel einen Acker hatten, um Mist draufzufahren, und Vieh… wir haben ja auch noch 24 Pferde, nebenbei, und wir haben die Landwirtschaft, wir haben die Bio Kartoffeln.

Und ich wünsche mir für die Zukunft einen natürlichen Kreislauf, in meinem eigenen Betrieb, sodass ich zeigen kann, dass da die Welt in Ordnung sein kann und auch so die Welt in Ordnung bleibt, für alle nachfolgenden Generationen. Und wenn man das schafft, dann ist das mein Wunsch. Und mein zweiter Wunsch ist, dass ich mich in meinen vielen kreativen Schaffensphasen austoben kann und gleichzeitig auf diesem natürlichen Kreislauf immer genug Beachtung schenken kann.   

Allgemein gefragt, was fehlt uns in unserem Leben? Uns allgemein als Menschheit?  

Da muss ich ein Wort nehmen, das ist zwar ein bisschen altbacken, aber ich finde es aktueller denn je: Uns fehlt Demut. Uns fehlt Demut! Demut vor anderen Menschen, also auch die Rücksicht auf sie. Die Demut gegenüber der Natur und gegenüber der Heiligkeit und dem Geschenk, das wir da leben dürfen. Das fehlt. Und das projiziert sich. Weil da wächst alles draus, da wächst Eifersucht draus, da wächst Neid, da wächst Hass, da wächst Krieg und auch der Klimawandel, alles. Dass wir einfach nicht genug demütig und dankbar sind.  

Was für ein schönes Schlusswort, danke! Möchtest du noch etwas ergänzen?   

Ich habe schon viele Leute hier gehabt, auch Führungskräfte, ob das jetzt Lufthansa, Eckes Granini oder auch Adobe war. Ich bin bei meinem Winzerdasein und bei den Weinproben, die ich mache, das ist einfach mein Steckenpferd, da habe ich ja entweder eine zufällige oder eine ganz bewusste Zusammenkunft von Menschen. Und wenn ich mich vorne hinstelle und erzähle, von der Inspiration, von der Schaffenskraft und von dem, was die Landwirtschaft tut, leistet und wie die denkt, dann glaube ich, dass, egal welche Branche es ist von uns Kleinen lernen kann.   

Dann spür ich, dass die Menschen durch diese Energie, und durch diese Geschichten aus der Landwirtschaft, wenn die das übertragen würden, zu ihrem Alltag, dass sie daran wachsen würden. Also nicht vielleicht an Produktivität, sondern innerlich wachsen. Dass diese Struktur wachsen würde, wenn man familiärer denkt, wenn man menschlicher denkt, wenn man natürlicher denkt, wenn man nachhaltiger denkt. Wenn ich dann so erzähle und fast übersprühe von dem, was ich tue, und wenn die das verinnerlichen würden, dann würde viel mehr Spaß bei der Arbeit entstehen und dann würde Führung besser gelingen. Weil die Menschen dann auch eine Selbstverantwortung hätten, für das, was sie tun.  

Natürlich kann nicht alles so wahnsinnig toll sein, wie der Weinbau. Weil da erschafft man sein Produkt von der ersten bis zur letzten Stufe. Das ist das, was den Leuten fehlt. Die haben dann nur so einen kleinen Teil von irgendwas und fühlen sich da als einsamer Puzzlestein. Und das kann nicht funktionieren, weil die nicht wissen, für was sie das machen. Der Sinn, das Ziel, der Erfolg zum Anfassen, und zwar auf allen Ebenen. Das kann man übertragen. Das habe ich bei den Menschen schon rausgespürt und das wäre schön. Vielleicht müssten sie alle mal hier ein Praktikum machen. 

Herzlichen Dank für das Interview! 

 

Die Diplom Oenologin Dr. Eva Vollmer hat aus dem Landwirtschaftsbetrieb ihres Vaters ein Weingut entstehen lassen – das Weingut Eva Vollmer in Mainz-Ebensheim in Rheinhessen. Somit führt die junge, energiegeladene Frau das Familienunternehmen bereits in dritter Generation. Und das mit Erfolg! Schon für den zweiten Jahrgang erhielt die Winzerin großes Lob. Eva besticht durch ihre kreative, authentische und herzliche Art. Das spiegelt sich auch in ihrem wunderschönen Weingut wider.  

Der Film „weinweiblich“ begleitet zwei Jahre lang vier Frauen und einen britischen Weinkritiker auf dem Weg der Kreation eines trockenen Rieslings. Vom ersten Schritt bis zur Verkostung des Weins taucht der Zuschauer ein in die Welt und den Alltag der Winzerinnen. In eine Welt, die sehr lange männlich dominiert war und deren Kultur nun nachhaltig verändert wird. Zwischen handwerklicher Tradition und dem Tatendrang mutiger, erfolgreicher Frauen 

Es soll kein Beweis dafür, sein, dass Frauen besseren Wein machen als Männer. Ganz im Gegenteil, sie machen es einfach anders. Unter anderem darüber erzählt Eva in einem interessanten Beitrag. Und die aus dem Film entstandene Rieslinge erlauben einen tiefen Einblick in die vermeintlich verborgene Welt der Winzerinnen und jeder Wein spiegelt exakt den Charakter seine „Schöpferin“ wieder. 

Eva Vollmers Selbstversuch in dem Film einen biodynamischen Riesling mit der vollen Bandbreite von Kuhhörner vergraben bis hin zu Pflanzentees bei Mondenschein anrühren, zeigt die unterschiedlichen Wege, die sich auftun um einzigartige Naturprodukte zu erschaffen. 

Wie du auch einen Schritt in die Selbstverwirklichung machst und deine persönlichen Werte lebst, kannst in meinem Blogartikel zu diesem Thema nachlesen.

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Dr. Andrea Maria Bokler

Über die Autorin

Ich unterstütze Führungskräfte und Entscheider dabei, wertebasiert in die Zukunft zu denken und in ihrem eigenen Leben und Unternehmen stärker wirksam zu werden.

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